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Der erste Huckster – Eine Legende

Es war ein warmer, lauer Sommerabend in der Hölle namens Outer West in den jungen Jahren der Eisenbahn. Jedoch einer konnte es nicht genießen. Der verarmte und nur vom Unglück heimgesuchte junge Siedler namens Kenneth Ray Rogers war auf der Flucht vor seinen Gläubigern. Durch das Glücksspiel hatte er alles verloren, selbst Hof und Pferd, und seine Frau hatte ihn verlassen. Ihm blieb nur noch das was er am Leibe trug, sein Shiez-Eisen, etwas Tabak und eine fast leere Flasche Whiskey.

Doch da war ein Schimmer der Hoffnung: er hörte das Pfeifen eines abfahrenden Zuges. Die Strecken der „Eisernen Pferde“ waren zu dieser Zeit noch neu und etwas besonderes. Kenneth rannte aus Leibeskräften Richtung der Gleise. Gerade rechtzeitig konnte er sich in einen offenen Güterwagen der abfahrenden Eisenbahn retten, seine Verfolger blieben zurück. Ihm war egal, wohin der Zug fahren sollte, hauptsache weg von seinem alten Leben und den Schulden.

Als er es sich in dem Wagon gemütlich machen wollte, bemerkte Kenneth, dass er nicht alleine war. In einer Ecke saß ein alter Mann in abgetragenen Klamotten an einen Postsack gelehnt und musterte den Neuankömmling. Der Alte kaute anscheinend gelangweilt an einem Stück Wurzel herum, seine Augen jedoch glitzerten vor Schalk. Die beiden nickten sich nur kurz zu, dann setzte sich Kenneth auf der gegenüberliegenden Seite des Wagens auf eine Transportkiste. Beide starrten hinaus durch die offene Tür und beobachteten stumm die vorbeiziehende Landschaft im Sonnenuntergang. Die unfreiwillig gemeinsam Reisenden waren beide zu müde um zu schlafen. So schauten sie weiter hinaus in die aufziehende Dunkelheit, bis im fahlen Mondlicht nur noch Konturen zu erkennen waren.

Die Langeweile wurde größer und nur das hämmernde Geräusch der Schienen war zu hören. Da räusperte sich der alte Mann, blickte mit seinen leuchtenden Augen auf und begann zu sprechen:

Mein Sohn, ein Leben lang habe ich mein Geld damit verdient, in den Gesichtern der Leute gegenüber zu lesen. An der Art, wie sie ihre Augen bewegen, zu erkennen, welche Karten sie auf der Hand haben. Sei mir nicht böse, aber ich erkenne, dass dir die Trümpfe ausgegangen sind. Für einen Schluck von deinem Whiskey würde ich dir einen guten Rat geben!“

Kenneth dachte kurz darüber nach, doch dann reichte er dem alten Glücksspieler seine Flasche. Dieser entkorkte die Flasche und ließ den letzten Schluck seine Kehle hinunter laufen. Nach einem genießerischem Schmatzen schnorrte der Alte sich noch etwas Tabak, rollte sich eine Zigarette und ließ sich Feuer geben. Während er paffte, wurde es seltsamerweise immer leiser im Wagon und eine unheimliche Stille breitete sich aus. Das Gesicht des Alten verlor jede Emotion, so wandte er sich wieder Kenneth zu.

Wenn du das Spiel spielen möchtest, Junge, dann musst du lernen, es richtig zu spielen.“

Der Glücksspieler kramte ein verschlissenes Pokerdeck hervor und begann die Karten zu mischen.

Du musst wissen, wann du etwas behalten musst und wann du etwas ablegen musst. Du musst wissen, wann du gehen musst und wann du laufen solltest. Zähle nie dein Geld, solange du noch am Tisch sitzt. Es ist genug Zeit dafür, wenn das Spiel vorbei ist.“

Er zog an seiner Zigarette und der Rauch hüllte das ganze Wageninnere ein. Das hereinscheinende Mondlicht schien beunruhigende Figuren und Muster in diesen Nebel zu enthüllen. Schlangen und Tentakel, Fratzen und Monster. Kenneth schwirrte der Kopf von den sich rasch bewegenden Karten und die Haare in seinem Nacken stellten sich auf. Der Alte wirbelte die Karten durch die Luft, fing sie wieder auf, mischte weiter und fuhr mit seiner Lektion fort.

Jeder wahre Spieler sollte das Geheimnis des Überlebens kennen, die Magie der Karten, wann man etwas wegwerfen sollte und wann man etwas festhalten sollte. Denn jede Hand ist ein Gewinner und gleichzeitig ist jede Hand ein Verlierer. Das beste, auf das du hoffen kannst, ist ein ruhiger Tod im Schlaf.“

Der junge Mann erkannte plötzlich die Bedeutung hinter all den Mustern, in den Formen und Schatten. Kenneth wusste plötzlich, wie er die Karten mischen musste und die Magie in ihnen wecken konnte. Dieses Wissen brannte sich in sein Gehirn ein.

Der alte Glücksspieler wandte seinen Blick von Kenneth ab, da schien all das mystische zu verfliegen. Der Alte drückte seinen Zigarettenstummel aus und legte sich zum Schlafen. Auch den jungen Mann überkam eine große Müdigkeit und er schlief auf der Stelle ein.

Bei Morgengrauen wachte Kenneth auf, vom Alten war jedoch nichts zu sehen. Nur das Pokerdeck lag noch da, mit dem Pik Ass oben auf. Kenneth steckte die Karten ein und ab dem Zeitpunkt soll er zum ersten Huckster geworden sein und wurde „Lucky Kenny“ genannt.

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